Männerspagat oder Wie mich eine Lesung überraschte

Eine Lesung kann man auf ganz unterschiedliche Weise erleben. Das gibt es beispielsweise den sehr professionellen Lesungsgast, der bestens vorbereitet ist. Er hat das Buch und vielleicht noch weitere der Autorin oder des Autors gelesen, möchte diesen endlich mal live erleben und sich alle Werke signieren lassen. Der zweite Typus ist der interessierte Lesungsgast, der zwar den Lesungstitel betreffend unbelesen ist, aber dennoch nicht uninformiert zur Lesung erscheint und glaubt zu wissen, was ihn erwartet. Der total überraschte Lesungsgast hat vermutlich erst kurz vor Lesungsbeginn erfahren, dass er heute als +1 was vorhat, ein unbeschriebenes Blatt sozusagen. Hier lässt sich schwierig voraussagen, ob dieser Gast zum Lesungsjunkie mutiert oder zukünftig müde abwinkt und auf dem heimischen Sofa sitzen bleibt.

Auf der gestrigen Lesung glaubte ich, dem zweiten Typus Lesungsgast anzugehören. Zwar hatte ich bislang kein Buch des Autors Hajo Schumacher gelesen, mich aber von den vielen positiven Rückmeldungen zu seiner ersten Lesung hier in Solingen überzeugen lassen, dass auch dieser Abend sicherlich sehr kurzweilig werden würde. Das Cover des Buches schien mir einen humorvollen Abend mit leichter Unterhaltung zu versprechen und das Thema interessiert mich als einzige Frau unter vier Männern sowieso. Beste Voraussetzungen also für einen schönen Abend ohne große Überraschungen.

Der Autor mit Zeitungsausschnitt

Und ja, es wurde ein schöner Abend, aber eben doch ganz anders als erwartet. Besser. Dass Hajo Schumacher bei seinen Lesungen nicht brav hinter dem Tisch sitzen und lediglich Teile seines Buches lesen würde, damit hatte ich schon gerechnet, jedoch nicht mit gesellschaftskritischen Ausflügen, die durch Zitate, Zeitungsausschnitte und fundierte Recherche die Beobachtungen seines Buches untermauerten und einmal mehr zum Nachdenken anregten. Dabei wechselte der Autor seinen Platz regelmäßig, las ruhig hinter dem Tisch, stand daneben, saß auf der Tischkante, war im ständigen Augenkontakt mit dem Publikum und verlieh seinen Thesen mit großen Gesten Gewicht. Hier hatte jemand ein Anliegen, hat über etwas geschrieben, was ihn nicht nur interessiert, sondern unmittelbar betrifft und zum Teil auch betroffen macht.

Männerspagat ist für Hajo Schumacher dieser scheinbar kaum zu bewältigende Schritt zwischen den Männerrollen, die er, Jahrgang 1964, als Kind vorgelebt bekam und den zahlreichen Rollen, die ein aufgeklärter Mann heute einnehmen kann, oder besser gesagt könnte, würde er mit einem Fuß nicht noch so tief im vergangenen Jahrhundert stecken. Ein Problem übrigens, dass Frauen in meinen Augen genauso haben, womit wir bei einem sehr wichtigen Punkt angekommen wären: der Ähnlichkeit zwischen Frau und Mann und gleichzeitig der Unterschiedlichkeit im eigenen Geschlecht. Es gibt eben nicht DEN Mann, genauso wenig wie es DIE Frau gibt. Und so heißt es auch im Klappentext:

„Dabei gibt es viele Männer, die mehr als okay sind, aufmerksam, empathisch, modernisierungsbereit. Leider verschwinden diese Brüder im Pesthauch einer globalen toxischen Männlichkeit, die sich nicht nur gegen Frauen richtet, sondern gegen alle, die anders ticken. Und es gibt durchaus toxische Frauen, die diese Kerle noch anfeuern. Der Graben verläuft nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Gut und Böse.“

Amen, will man da rufen, hat man doch sehr ähnliche Erfahrungen gemacht.

Hab ich dann aber doch nicht gerufen, aber heftig, ehrlich und sehr lange applaudiert und natürlich das Buch gekauft, auf das ich sehr gespannt bin und dass viel mehr ist als sein Klappentext vermuten lässt.
Danke Hajo Schumacher für eine Lesung, die mich überraschte und begeisterte.


Geschrieben von Stefanie Leo (Mittwochsmorgenkraft und Frau für Bits und Bytes der Schatzinsel)