Buchtipp “Schmales Gewässer, gefährliche Strömung”

Stephan Thome beschreibt in seinem eloquent und ungewöhnlich lebendig geschriebenen Sachbuch einen Konflikt, der auf den ersten Blick einfach erscheint:

China betrachtet Taiwan als Teil seines Staatsgebietes und versucht, diesen Anspruch mit diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Mitteln durchzusetzen, während sich die junge Demokratie Taiwan längst als eigenständige Gesellschaft versteht.

Mit enormer historischer Kenntnis entfaltet Thome diesen Konflikt zu einem weit größeren Panorama. Sein Buch handelt von Kartografie und Geschichtspolitik, von Sprache, Nationenbildung und der Frage, wie Staaten aus ausgewählten historischen Momenten territoriale Ansprüche ableiten.

Ein-China-Politik

Es geht um Kolonialismus, Imperialismus und Nachkriegsordnung, um Halbleitertechnik, Desinformationskampagnen und diplomatische Feinheiten – etwa die Differenz zwischen dem Anerkennen der Ein-China-Politik und ihrer bloßen Kenntnisnahme. Auch wie aus indigenen Völkern und Zugezogenen das Bewusstsein einer eigenen Nation entsteht, gehört zu den Themen des Buches. Deutlich wird zudem, wie sehr internationale Politik von diplomatischen Formulierungen und historischen Narrativen geprägt ist.

Nationale Identitäten

Durch all diese Themen ist das Buch weit mehr als nur eine Analyse des China-Taiwan-Konflikts: Es ist zugleich ein erfrischend gedankenreiches Buch über Politik, Geschichte und die Entstehung nationaler Identitäten.

Stephan Thome, Schmales Gewässer, gefährliche Strömung – Über den Konflikt in der Taiwanstraße, Suhrkamp Verlag 2024, nun als Taschenbuch, 381 Seiten, 15,- €

Erschienen am 21. Mai 2026 im Solinger Tageblatt als 103. Schatzinsel-Buchtipp.

Danke an Caro, die diesmal ganz handzahm war und nur Gerinfügigkeiten zu monieren hatte.

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