Buchtipp „Goya“

Dieser Schatzinsel-Buchtipp erschien am 21. September 2017* im Solinger Tageblatt:

„Goya“ von Paul Nizon

Wieso können eigentlich nicht mehr Menschen so anschaulich, kenntnisreich und leidenschaftlich über Kunst schreiben wie Paul Nizon?

Fangen wir anders an: Wer im Prado die lange Halle mit den Alten Meistern entlang geht, gelangt in eine Rotunde, in der ein sehr großes Gemälde von Goya hängt: „Die Familie Karl IV“ von 1798. Goya war zu dieser Zeit Hofmaler, und viele (heutige?) Betrachter fragen sich bestimmt, warum er nach diesem Bild nicht vom Hof gejagt wurde. Was wir hier sehen, ist ein Ausbund von Häßlichkeit, von Degeneriertheit, von Blödheit, von Inzucht. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass Goya sich unendlich viel Mühe mit dem Kleid der Königin und den Orden des Königs gab, die Gesichter aber hingehuscht und puppenhaft wirken.

Der Betrachter ist verblüfft und sucht Rat, und landet vielleicht bei diesem kleinen, schönen, reich bebilderten Band der Insel-Bücherei: halb biographische Skizze, und halb Bildbeschreibungen, die es in sich haben: Zum Gemälde „Ferdinand VII“ schreibt er, nachdem er zuvor den königlichen Mantel ausgiebig würdigte: „Goya hat sein ganzes Genie an dieses Ornat verwendet. … Und nun hat ihn sich dieser Kretin umgehängt … Im Vergleich zum Mantel hat sein Kopf ebenso viel Leben wie ein Kürbis.“ Am Ende der Lektüre bleibt uns Goya immer noch ein großartiges Rätsel, aber wir durften es mit Paul Nizon immerhin umkreisen.

* der Vollständigkeit halber werden wir nach und nach alle Schatzinsel-Buchtipps, die seit 2016 im Solinger Tageblatt erschienen sind, nachtragen.