Die Konzern-Klammer

Lektüre beendet. Ich bin etwas ratlos. Sind mir die Bezüge entgangen? Bin ich vorschnell im Urteil? Wer sieht das alles ganz anders?

Éric Vuillard, Die Tagesordnung

Meine Vorfreude war groß. Aber im Vorfeld klang das auch anders: Eine ins erzählerische gewendete Reflexion über Politik, Macht und Konzerne anhand eines Treffens von hochrangigen deutschen Wirtschaftsvertretern mit Adolf Hitler 1933. Erzählt er auch. Im ersten Kapitel. Dann geht es aber eher um Hinterzimmer-Diplomatie, Wegschauen und Zögern, Propaganda und Österreich 1938. Und um dieses und jenes. Alles sehr interessant. Wirklich. Hat aber etwas von ‚dies und das von jedem was‘. Auch der Stil, oder genauer, die Sprachebene ist uneinheitlich, was ja eigentlich nicht schlecht ist, aber den Mischmasch-Eindruck verstärkt (zwischendurch gibt es auch immer wieder Formulierungen, die ich eher als pseudopoetische Laberei bezeichnen würde). Ganz zum Schluss findet er wieder zu den Konzernen zurück: Ja, die Konzerne. Sie überleben alle politischen Systeme und stürzen uns immer wieder in Abgründe -: das ist jetzt nicht gerade die große Erkenntnis. Erzählen, wie das genau geschieht, das wäre interessant gewesen.

Nachtrag: Auf Seite 115 gibt es einen Satz mit „Regimes“, sollte ich den richtigen verstanden haben, nehme ich ihm den übel. (ik)

Zweiter Nachtrag: Das Treffen der Wirtschaftsführer mit Adolf Hitler, das Bestehen der Konzerne durch alle politischen Systeme hindurch, die Spenden, die Zwangsarbeiter, das schäbige Verhalten von Krupp bei den Entschädigungzahlungen —: dies alles eröffnet und beschließt den Text. So bekommt der Text scheinbar ein Zentrum, wird thematisch griffig, plakativ und werbewirksam: Die Konzerne und die Nazis. Der Kern des Textes liegt hier aber gar nicht, Vuillard lässt das Thema ansonsten völlig unbearbeitet. Deshalb ist die letzte Seite zwar nicht unwahr, aber Polit-Kitsch, reine Behauptungsliteratur.

Warum also diese Konzern-Klammer? Dieses Hervorheben? Und dazwischen dann die anderen interessante Geschichten, die oft nur lose miteinander verbunden sind. Ich mag ja solche Miniatur-Geschichten-Montage-Texte mit flirrenden Freiräumen. Aber dann auf einer Ebene und der Leser soll sehen wie er klar kommt. Die Struktur in der Tagesordnung überzeugt mich nicht bzw. erschließt sich mir nicht. (ik)

Hier zum Vergleich der Klappentext:

Prix Goncourt 2017 20. Februar 1933: Auf Einladung des Reichstagspräsidenten Hermann Göring finden sich 24 hochrangige Vertreter der Industrie zu einem Treffen mit Adolf Hitler ein, um über mögliche Unterstützungen für die nationalsozialistische Politik zu beraten: Krupp, Opel, BASF, Bayer, Siemens, Allianz – kaum ein Name von Rang und Würden fehlt an den glamourösen runden Tischen der Vermählung von Geld und Politik. So beginnt der Lauf einer Geschichte, die Vuillard fünf Jahre später in die Annexion Österreichs münden lässt. Bild- und wortgewaltig führt er den Leser in die Hinterzimmer der Macht, wo in erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wird. Dabei erzählt er eine andere Geschichte als die uns bekannte, er zeigt den Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, er entlarvt Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche. Mit der ihm eigenen virtuosen Eindringlichkeit und satirischem Biss seziert Vuillard die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich: Die Deals, die an den runden Tischen der Welt geschlossen werden, sind faul, unser Verständnis von Geschichte beruht auf Propagandabildern. In »Die Tagesordnung« zerlegt Éric Vuillard diese Bilder und fügt sie virtuos neu zusammen: Ein notwendiges Buch, das eine überfällige Geschichte erzählt und damit den wichtigsten französischen Literaturpreis erhielt.