Buchtipp “Die Auster”

Im zweiten Satz des Buches scheucht Leonora Bloch den Sanitäter mit seinem „lächerlichen Blutdruckgerät“ weg. Da wusste ich bereits: Das wird was.

Unordnung

Bloch, 73 Jahre alt, selbstbestimmt, kontaktscheu, grantelig, putzt seit 45 Jahren das Haus des Geschäftsführers eines Berliner Kaufhauses. Eines Morgens findet sie ihn tot im Wohnzimmer. Statt sofort die Polizei zu rufen, wischt sie erst einmal die Blutlache und die blutigen Fußspuren weg, weil sie diese Unordnung einfach nicht ertragen kann.

Am Anfang ein Mord, am Ende eine Auflösung. Aber das hier ist kein Kriminalroman.

Figurenensemble

Stattdessen gestaltet Inokai ein starkes Figurenensemble: ihr ermordeter Arbeitgeber, ihr Sohn, ihre Arbeitskolleginnen und Freundinnen, ihr Zahnarzt, der Kaufhausdetektiv und enger Vertrauter, der Champagnervertreter und die Frau im Schrank, die Kommissarin und die Tochter des Ermordeten, mit der sie die Beerdigung organisieren muss.

Luxuskaufhaus

Wichtige Themen sind zudem Würde, Loyalität, das Älterwerden, prekäre Lebensverhältnisse, die verborgenen Welten hinter den Kulissen eines ehemaligen Luxuskaufhauses und schließlich auch der schleichende Niedergang der dortigen Fachberatung: „Kundinnen wollten Hosen kaufen und verließen gänzlich ohne Hintern die zweite Etage.“

Geflecht

Mit herrlich sprödem Charme, trockenem Witz und wenigen, sehr präzisen Strichen entfaltet Inokai ein dichtes Geflecht von Figuren und Beziehungen.

Yael Inokai, Die Auster, Hanser Berlin 2026, 224 Seiten, 23,- €

Erschienen am 30. Juli 2026 im Solinger Tageblatt als 105. Schatzinsel-Buchtipp.

Danke an Caro, die dieses und jenes kreativ verbessert hat, und ihr “spröde” war auch im Text.

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